Orientierung durch Orthodoxe Dogmatische Erläuterung

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Kapitel 12 // Anhang

Leben  im Leibe Christi  ( Einführung in die Orthodoxie )

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13. Im Lichte Lasset uns Licht Empfangen» - Eine exegetische Annäherung an die Verklärung auf der Basis der Hymnographie


 

1. «In Hymnen... bekenne und verherrliche ich...»

Der Glaube unserer Kirche (Dogma) ist als geschichtlicher Ausdruck der geistlichen Erfahrungen ihrer Heiligen, die Gott in sich tragen, unzertrennlich mit ihrer Verehrung verbunden. Denn als Zentrum des Lebens des kirchlichen Leibes ist die kirchliche Verehrung der nie verstummende Mund der Orthodoxie; sie ist das ununterbrochene Zeugnis und Bekenntnis des orthodoxen Pieromas und die tägliche Taufe eben dieses Leibes im Heilsgeschehen, so wie dieses «auf einmal» von Christus verwirklicht wurde und «im Heiligen Geist» von den Heiligen, die die unanzweifelbare Bestätigung seiner Wirklichkeit sind, geschichtlich gelebt wird.

Das Herz des orthodoxen Gottesdienstes bildet die Hymnographie, die Hymnen unserer Kirche, die auch als dichterische Texte als die auserlesenste Schöpfung der byzantinischen Zeit a-nerkannt werden. Die Hymnographie wird mit den Möglichkeiten, die sie als dichterisches Wort besitzt, das mit dem Gewand der einzigartigen «byzantinischen» Musik umkleidet ist, für die Kirche das geeigneteste Mittel zur ständigen Eucharistie ihres Pieromas. Denn sie ruft es täglich dazu auf, seinen Glauben zu leben und zu bekennen, «dem Logos aus Worten eine Melodie dichtend». Mit ihren Hymnen tritt die Kirche nun bereits Jahrhunderte heilbringend an den Menschen jeder Epoche und Gesellschaft heran und verwirklicht so - auch mit ihnen, wie mit ihrem Kult überhaupt - ihre Einheit und Fortdauer durch alle Zeiten hindurch.

Die orthodoxe Hymnographie will jedoch nicht einfach Poesie sein, sie will keine autonome und eigenständige Kunst im Leben der Kirche sein. So wie das gesamte patristische Schrifttum ist auch sie ein Teil des vielseitigen pastoralen Dienstes der Heiligen Väter, die, wie hoch auch immer der philologische oder künstlerische Wert ihrer Schöpfungen ist, nichts anderes als den Aufbau ihrer geistlichen Kinder vor Augen haben, wenn sie ihnen mittels des Wortes (Hymnographie, Predigt), der Melodie (Musik), des Bildes (Ikonenmalerei) und des Kirchenbaus (Architektur) die Theologie und Gotteserkenntnis ihres vom Hl. Geist gereinigten und erleuchteten Herzens anbieten. So wie alle diese Kunstformen, sind auch die Hymnen für die gottragenden Väter ein Ringen um Gotteserkenntnis und geistlicher Kampf. Die Väter schreiben und singen, die Feder in die Quelle ihres Glaubens und in die Tränen ihrer Metanoia tunkend.

Mit diesem ihren asketisch-mystischen Hintergrund offenbart unsere Hymnographie zutiefst, daß das theologische Wort unserer Kirche nicht von einem abstrakten philosophischen Denken herrührt, wie übrigens auch das kirchliche «Dogma» keine Ansammlung metaphysischer Grundsätze und Begriffe ist, die dem kirchlichen Pleroma «von oben» mit der Forderung nach blinder Annahme auferlegt werden. Im Gegenteil, sie erweist sich als gelebte Wahrheit, als Frucht der Erfahrung des Lebens im Hl. Geist und dient in Form von Predigt-Dichtung-Melodie als Führer des «neuen» Lebens, als Richtungsweiser des Weges, den die Heiligen aller Jahrhunderte beschreiten und der zur Vereinigung mit Gott, zur Vergottung der Gnade nach, führt.

So wird auch der gemeinschaftliche Charakter der orthodoxen Hymnographie verständlich, die, obwohl das persönliche E-lement mit der häufigen Erwähnung der Namen der Dichter in den Überschriften oder den Akrostichen der Hymnen erhalten bleibt, Gebet, Bekenntnis und Danksagung des ganzen Leibes, der Kirche ist. Aber auch die Erwähnung der Namen der Hymnendichter in den liturgischen Büchern der Kirche führt uns zu einer gesegneten Feststellung: sie zeigt «die Einheit des Glaubens und die Gemeinschaft des Hl. Geistes» in der Vielfalt der Personen, indem sie die Einheit des geistlichen Kampfes der Väter unterstreicht, d.h. die einheitliche Methode der Therapie-Rettung, die sie anwenden, so daß sie schließlich die gleichen Früchte des Hl. Geistes tragen, die gleiche Denkweise und die gleiche Theologie haben.

Die kirchlichen Hymnen - in ihren verschiedenen Formen -sind die «wohlriechenden» Behälter der patristischen Theologie, die .so einen direkten Zugang zu den Herzen der Gläubigen findet. Däsinspirierte patristische Wort ergießt sich unverfälscht in die Hymnen. Die patristische Theologie wird zum täglich vom Plero-ma der Kirche «Gehörten und Gesprochenen» und zum geistlichen Schoß der Formung seiner Gesinnung. Wie die Quellen der spätbyzantinischen und nachbyzantinischen Zeit beweisen, waren die theologischen Formulierungen unserer Hymnographie die gesprochene uff&Zeitgenössische theologische Sprache von Klerikern und Laien.

Die orthodoxe Hymnographie besitzt als Theologie der Kirche alle charakteristischen Merkmale der patristischen Theologie. Auch sie verknüpft sowohl in ihrer biblischen als auch in ihrer ha-giographischen Dimension das «Dogma» harmonisch mit der Geschichte und zeigt, wie der Glaube geschichtlich gelebt und verwirklicht wird. Ein Synaxarion mit «Maß» und «Melodie», gekoppelt mit einer «Bereicherung an orthodoxer Theologie», ist die orthodoxe Hymnographie. Sie geht von der Geschichte, dem konkreten Heilsgeschehen aus, um sich schließlich auf dessen theologische Betrachtung und Auslegung im Hl. Geist auszuweiten. Das Heilswerk Gottes in der Geschichte ist der Ausgangspunkt der Hymnen und ihr unverrückbares Fundament.-Das Trinitarische, das Christologische, das Soteriologische und das Ekklesiologische «Dogma» werden zu Prismen der Betrachtung und des Verständnisses der göttlichen Energien. Das wird offensichtlich in jedem Gottesdienst, an jedem Tag des Kirchenjahres.

Mit der gleichen Klarheit erscheint dies auch in der Hymno-graphie des Festes der Verklärung, die hier für uns zum Ausgangspunkt einer exegetischen Annäherung an das Wunder Christi auf dem Berg Thabor wird. Von den Hymnen des Vorfestes, des Festes und des Nachfestes (5., 6., 7. August) uns leiten lassend, werden wir versuchen, uns dem Ereignis anzunähern, das die drei Jünger erlebten, wobei wir unsere Heiligen Väter als Führer und Wegbegleiter haben: vor allem den Hl. Johannes von Damaskus und den Hl. Kosmas Maiumas (8. Jh.), die Hymnendichter also, von deren erleuchteten Herzen die meisten Festhymnen stammen.

 

2. «Vor dem Kreuz...»

Die harmonische Verbindung von Geschichte und Theologie in den Hymnen des Festes der Verklärung zeigt das folgende Tro-parion, das während der Prozession gesungen wird. Der Dichter gibt in ihm die Koordinaten des großen Ereignisses, die örtlichen, die zeitlichen und die geistlichen. Eine Reihe von Worten anstelle von Farben breitet sich in einem einzigartigen Realismus und mit einer einzigartigen Ausdrucksfähigkeit vor dem Gläubigen aus.

Sticheron Idiomeion, 2. Ton, gesungen am 6. August

Das Licht vor allem Licht

Christus,

der, im Leibe auf der Erde umherwandelnd,

die ganze furchtbare Heilsordnung göttlich vollbrachte,

zeigt heute auf dem Berge Thabor

geheimnisvoll den Typos der Dreiheit.

Denn vor ihnen, die er mit sich beiseite führte,

vor den drei Jüngern, die er erwählte, Petrus, Jakobus und

Johannes,

wurde er, das Hinzugenommene des Fleisches ein wenig verbergend, verklärt, die Pracht der ursprünglichen Schönheit offenbarend, und diese nicht in ihrer Fülle, sondern nur so weit, einerseits sie überzeugend, andererseits aber fürchtend, sie könnten mit dem Augenlicht vielleicht auch das Leben verlieren,

wie sie sie mit ihren leiblichen Augen zu erfassen vermochten.

Und die wichtigsten der Propheten, Moses und Elias, führte er herbei,

die in gleichem Maße seine Gottheit bezeugten, und daß er, der über Lebende und Tote herrscht, der wahre Abglanz des väterlichen Wesens ist. Daher umgab sie auch eine Wolke wie ein Zeltdach; und eine Stimme, die des Vaters, von oben aus der Wolke erschallend, bezeugte und sagte: Das ist mein geliebter Sohn, den ich vor dem Eosphoros samenlos aus dem Mutterschoße gebar. Ihn habe ich gesandt,

die auf den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist Getauften und treu die eine, unteilbare Herrschaft der Gottheit Bekennenden

zu retten. Auf ihn sollt ihr hören. Du also, menschenliebender Christus Gott, erleuchte auch uns mit dem Lichte deiner unnahbaren Herrlichkeit

und mache uns zu würdigen Erben deines ewigen Reiches, als Allgütiger.

Die Hauptperson des Geschehens, der fleischgewordene Logos Gottes-Christus, der Mittelpunkt der ganzen Bildes, wird vom ersten Satz beleuchtet. Das Vorhaben des Hymnographen, auf ihn von Anfang an unsere Aufmerksamkeit zu lenken, ist offensichtlich. Vom Mittelpunkt bewegen wir uns schrittweise zum Rand, zur ganzen Breite des Bildes, das in das ungeschaffene Licht, in die Lichtwolke getaucht ist, die als Szene die Personen und den Raum umschließt: die drei Jünger, die Koryphäen der alttestamentarischen Propheten, den Thabor. Aus der Wolke ist die («laut bezeugende») Stimme des unsichtbaren Vaters zu vernehmen. Alle Begebenheiten der Schrifterzählung (des Matthäus, des Markus und des Lukas) werden mit absoluter Genauigkeit wiedergegeben. Charakteristisch aber ist, - und das finden wir in der ganzen orthodoxen Hmnographie - daß Personen und Geschehnisse mit kurzen Sätzen oder auch mit einsilbigen Begriffen von tiefem theologischen Inhalt verflochten werden. Die Geschichte erhält so eine theologische Färbung und eröffnet den Augen der Uneingeweihten ihre von den Heiligen geschaute «verborgene Schönheit».

Ein einzelnes Wort nur,"z.B. «proselion - vor allem Licht» oder «triselion - dreifaches» vor dem Substantiv «Licht» bestimmt orthodox die Natur des Lichtes Christi, das ewig und ungeschaffen ist. Ein Satz wiederum, z.B. «so weit sie sie mit ihren leiblichen Augen zu erfassen vermochten», offenbart die Anteilnahme des ganzen Menschen (seelisch-körperlich) an der göttlichen Herrlichkeit und dieser Welt, was das Hauptziel der pastoralen Praxis der Kirche in der Geschichte ist. Man kann sagen, daß dieses Troparion in einem Blick den Inhalt der ganzen Hymnographie des Festes, dessen thematischen (historischen und theologischen) Entwurf enthält.

Der Erzählung des Evangeliums getreu bezieht sich der Hy-mnograph nicht auf den Zeitpunkt, an dem die Verklärung geschah (s. Mt 17, 1; Mk 9, 2; Lk 9, 28). Ihn streift er nur unbestimmt in einer Zeile der Laudes: «Vor deinem Kreuz und deinem Leiden stiegst du, Herr, mit den heiligen Jüngern, die du dazu ausersehen hattest, auf den Berg Thabor...» Viele Väter jedoch legen die Verklärung, nach der Erzählung des Evangeliums über die Taten des Herrn, vierzig Tage vor das Leiden, d.h. irgendwann in den Februar und nicht in den August, wo heute das Ereignis gefeiert wird. Das Fest wurde in den August verlegt, da es anderenfalls in die Gr. Fastenzeit hineinfallen würde. Als Fest des zukünftigen Äons (des «achten Tages») mußte es aber acht Tage lang gefeiert werden, was natürlich in einer Zeit des Fastens und der Trauer, wie der der Gr. Fastenzeit, unmöglich war. Der 6." August wurde jedoch nicht rein zufällig ausgewählt, sondern deswegen, weil er sich genau vierzig Tage vor der Kreuzerhöhung (14. September) befindet, einem Fest, das gleichrangig mit dem Großen Freitag, dem Gedächtnis der Leiden des Herrn, ist.

Außerdem ist es sehr bezeichnend, daß dieses Troparion, obwohl es alle Punkte des Ereignisses der Verklärung anführt, die Worte des Ap. Petrus ausläßt («Rabbi, es ist gut, daß wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen...», Mk 9, 5). Diese Worte läßt auch der Evangelist Matthäus weg. In der dritten Strophe der Laudes, die diese Worte anführen, üben die Festhymmen eine spürbare Zurückhaltung mit jener charakteristischen Bemerkung: «nicht wissend, was er sagte». Das gleiche geschieht auch bei den zwei Synoptikern. Nachdem Markus diese Worte anführte, fügte er hinzu: «Er wußte nämlich nicht, was er sagte», und Lukas: «nicht wissend, was er sagte». Aber worauf ist diese Zurückhaltung und dieser «Gegensatz» zu den Worten Petri zurückzuführen;

Die Worte Petri sind nach den Heiligen Vätern der Ausdruck seiner Befürchtung, daß Christus nach dem Abstieg vom Berg und nach der Offenbarung seiner göttlichen Herrlichkeit ergriffen und getötet werde, wie er selbst kurz zuvor ihnen geoffenbart hatte (s. Mt 16, 21 f.). Deshalb auch hatte Petrus ihn aufgefordert, das Leiden zu umgehen, indem er zu ihm sagte: «Das verhüte Gott, Herr! Niemals darf dir das widerfahren», worauf Christus ihm antwortete: «Hinweg von mir Satan! Ein Ärgernis bist du für mich. Denn du denkst nicht die Gedanken Gottes, sondern der Menschen». (Mt 16, 23). Als «fleischliche» also und nicht als «geistliche» werden diese Worte Petri von den Hymnen ausgelassen. Und die wenigen Male, wo sie erwähnt werden, folgt ihnen entweder dieses «nicht wissend, was er sagte» oder sie werden direkt mit seinem Erstaunen über das Erscheinen der göttlichen Herrlichkeit in Verbindung gebracht, die wohl niemand zurücklassen möchte (z.B. Doxastikon des 7. August in der Vesper). Sehr charakteristisch bemerkt Ephraim der Syrer dazu (Rede zur Verklärung): «Simon hatte die Sendung, in der Welt die Kirche zu bauen. Er möchte jedoch hier bleiben, um Hütten auf dem Berg zu errichten; denn noch war er Jesus auf menschliche Art ergeben und stellte ihn auf die gleiche Ebene mit Moses und Elias. Und dem entgegen zeigte ihm (Christus), daß er seiner Hütte nicht bedarf. Denn er war es, der seinen Vätern in der Wüste ein Wolkenzelt errichtete. Denn während sie noch redeten, siehe, eine Lichtwolke überschattete sie. Siehst du, Simon, ein Zelt ohne Mühe, ein Zelt als Schutz vor der Hitze und ohne Dunkel, ein glänzendes und leuchtendes Zelt?» Das Zelt, nach dem es Petrus verlangte, gab Christus, ein ungeschaffenes und himmlisches jedoch, mit der leuchtenden Gegenwart («Erleuchtung») des Hl. Geistes. Doch nun kommen wir zur Theologie der Heiligen Hymnendi-»chter, wobei wir auch die übrigen Hymnen des Festes berücksichtigen. Wir beginnen mit ihrer Schau des Ereignisses, das auf dem Berg Thabor stattfand.

 

3. «Er wurde vor ihnen verklärt»

Einstimmig bekennen die Hymnographen, daß die «furchterregende Verklärung» Christi ein «vor den Äonen verborgenes Mysterium» enthüllte: «ein Mysterium zeigt Christus den Jüngern auf dem Thabor». Was für ein Mysterium ist es, welches den von Schrecken ergriffenen Jüngern geoffenbart wird? «Die Herrlichkeit seiner Gottheit», seine «väterliche» Herrlichkeit, die «Schönheit» seiner Gottheit, «die Pracht des göttlichen Reiches» (der Gnade also, der göttlichen Energien). Christus «gibt» mit seiner Verklärung «ein göttliches Zeichen seiner Gottheit». Er läßt seine «Herrschaft», seine göttliche Macht offenkundig werden, wobei er die Jünger in die Strahlen seiner Macht eintaucht und offenbart, daß er «ein Ebenbild des Seienden», mit Gott, dem Vater, also gleich ist.

Die Quelle aller dieser theologischen Begriffe ist natürlich die Heilige Schrift, das Alte und das Neue Testament. Die Heiligen Hymnendichter stützen ihre Theologie auf die Hl. Schrift; denn das ist die einzigste der Orthodoxie bekannte theologische Methode. Die Väter sind keine Philosophen und können daher weder als «Platoniker» noch als «Aristoteliker» bezeichnet werden. Sie sind die Theologen der Kirche, haben Gott geschaut und werden in ihrer Theologie von Gott belehrt. Die Begriffe, die sie verwenden, sind möglicherweise auch bei Philosophen zu finden. In der väterlichen Sprache jedoch erhalten sie einen kirchlichen Inhalt und drücken Wahrheiten aus, denen sich die Philosophen niemals intellektuell nähern können.

Die Gottheit Christi wird in dreifacher Weise auf dem Berg Thabor bezeugt. Zunächst mit dem «Licht» seiner Herrlichkeit. Hier begegnen die Hymnographen einer großen Schwierigkeit. Der Mensch ist gezwungen, die göttlichen Wirklichkeiten mit «geschaffenen» Worten, das «Himmlische» mit «irdischen» Mitteln zu beschreiben (s. Jo 3,12). Wie können sie also zeigen, daß dieses «Licht» nichts mit dem gemeinsam hat, das wir lernten, in unserem geschaffenen Weltall als Licht zu bezeichnen? So ziehen sie also alle nur irgendwie möglichen Ausdrucksmittel heran, um den Unterschied zu kennzeichnen, damit auch der kleinste Zweifel ausgeschlossen wird. Das Licht Christi charakterisieren sie als: «über und jenseits von jedem Glanz»; «leuchtender als die Sonne», Strahlen, das «den Glanz der Sonne verhüllte»; «göttliche Herrlichkeit», die «die Sonnenstrahlen verdunkelte». Es wird jeder nur mögliche Versuch unternommen zu verdeutlichen, daß das, was auf dem Berg Thabor erstrahlte, die «unvergleichliche Sonne» ist, «die geistliche Sonne der Gerechtigkeit», wie unsere Kirche auch zu Weihnachten singt, wenn der Welt die «Sonne der Gerechtigkeit», Jesus Christus, erscheint.

Die Gottheit Christi bezeugt ebenfalls die Stimme des Vaters: «Und eine Stimme, die des Vaters, von oben aus der Wolke erschallend, bezeugte...» «Der Zeuger, die natürliche Sohnschaft bekennend, nannte Sohn...». Nach der Taufe Christi im Jordan geschieht nun die Bestätigung des Vaters zum zweiten Mal: das gleiche Zeugnis auch hier, begleitet vom Aufleuchten der göttlichen Herrlichkeit im Antlitz und der Kleidung des Gottmenschen.

Die dritte Bestätigung kommt mit dem Erscheinen der Lichtwolke, deren Natur die Hymnen ganz eindeutig erklären. So wie das Licht des Antlitzes und der Kleidung Christi, so besteht auch sie nicht aus natürlichem atmosphärischem Licht, sondern aus ungeschaffenem und ewigem Licht. Sie ist die Gegenwart des Hl. Geistes im Licht der Gottheit, das göttliche Reich. «Die Lichtwolke im göttlichen Geiste die Echtheit seiner ewigen Gottheit bezeugend». «... Die Wolke zeugte aufs deutlichste von der Anwesenheit der Gnade des Geistes, die den Thabor überschattete», bemerkt der Hl. Johannes von Damaskus in einem der großen Hymnen. Nach dem Hl. Andreas von Kreta, einem ebenfalls großen Hymnographen, war die Wolke der Verklärung die gleiche Taube, die bei der Taufe Christi erschien, der Hl. Geist also: «Wolke... leuchtende, die Taube, die ein wenig vorher über den Jordan flog, der Hl. Geist, der von oben in Gestalt der Taube hinunterkam» (Rede zur Verklärung).

Für die Anwesenheit der Wolke wird bezeichnenderweise im Neuen Testament wie auch in den Hymnen das Verb «åðéóêéÜæù» «überschatten» (Mt 17, 5) verwendet. Es ist das gleiche Verb, das auch im Kap. 1, 35 des Lukasevangeliums verwendet wird, um die Herabkunft des Hl. Geistes auf die Gottesgebärerin und die «jungfräuliche Empfängnis des Gottmenschen» aus dem Hl. Geist anzuzeigen. In beiden Fällen steht das Verb in Verbindung mit der göttlichen Herrlichkeit. Mit all diesem wird die göttliche Anwesenheit betont.

Wie bei der Taufe im Jordan erscheint auch bei der Verklärung das Mysterium der Heiligen Trinität. Dieses Mysterium zusammen mit der Gottheit Christi und seiner «natürlichen» Sohnschaft ist das geoffenbarte «Mysterium», über das die Hymnographen sprechen. Ein Mysterium ist und bleibt es, weil es trotz seiner Offenbarung unverständlich bleibt, und zwar nicht nur für die «Unreinen» und Ungläubigen, sondern auch für die «Freunde Gottes», die auch in der «Verherrlichung» Gott nicht erfassen können, der selbst dann ein Mysterium bleibt, wenn er gesehen wird.

Das, was die Jünger schauen, wobei sie die Erfahrung des unsäglichen Mysteriums machen, ist das Licht. «Du Wort, du unveränderliches Licht, des Lichtes des ungeborenen Vaters. In deinem Lichte, das uns heute auf dem Berge Thabor erstrahlte, sehen wir den Vater als Licht und den Geist als Licht, das die ganze Schöpfung erleuchtet» (Exaposteilarion des Orthros, ein Tro-parion von göttlichem Lichte überflutet).

Die Personen der Heiligen Trinität offenbaren sich als Licht. Gott wird in der Schrift und allgemein in der Sprache der Kirche oft als Licht dargestellt, nicht jedoch in Bezug auf Sein Wesen, sondern in Bezug auf Seine ungeschaffenen Energien. Außer der Unterscheidung von Natur (Wesen) und Personen in Gott nimmt die Orthodoxie auch eine andere unbeschreibliche Unterscheidung an, und zwar die Unterscheidung des Wesens Gottes, das unbekannt und unverständlich ist, von den göttlichen «Kräften» oder «Energien» des Göttlichen Wesens, mit denen Gott «nach außen hin» wirkt, sich offenbart und dem Menschen seine Gemeinschaft anbietet. Diese göttlichen «Kräfte» oder «ungeschaffenen Energien» sind das Göttliche Licht. Sie sind die «Herrlichkeit» und «Gnade» Gottes, die die ungeschaute Gottheit auf dem Berg Thabor sichtbar macht.

An (theologischen) Streitgesprächen über dieses Licht hat es nie gefehlt. Aber im 14. Jahrhundert spitzten sich die Auseinandersetzungen zu und fanden ihren Höhepunkt im Streit zwischen den in der Erfahrung dieses ungeschaffenen Lichtes lebenden Hesychasten und dem Vertreter des scholastischen Westens, dem «intellektuellen» Barlaam, dem diese Erfahrung fremd war. Barlaam und die verfälschte «Theologie», die er mit sich in den patristischen Osten brachte, konnten das Licht der Verklärung nur als materielles und geschaffenes erklären, als vorübergehende Schau, als atmosphärisches Phänomen, «geworden und entworden». «Jenes Licht war aber wahrnehmbar - sagt er - und mittels der Luft sichtbar, für Augenblicke ein erstaunliches Ereignis und gleich danach hinfällig geworden; und als Symbol der Gottheit wird es Gottheit genannt». Ein Phänomen also, in Raum und Zeit begrenzt, nichts mehr als ein «Symbol», als eine «Spur» der göttlichen Anwesenheit.

Der Hl. Gregor bestätigt uns jedoch zusammen mit den frühe 1 Vätern, Aposteln und Propheten die ungeschaffene Natur und die Gottheit des Thaborlichtes, wobei er ständig Zitate aus der Schrift und den Vätern heranzieht, um auch die Tradition seiner Lehre zu zeigen. Außerdem bemerkt er, daß alle die, die das «Göttliche nicht erlitten haben», die nicht glauben, daß Gott als Licht und jenseits des Lichtes geschaut wird, und behaupten, daß Er nur logisch betrachtet wird, mit Blinden zu vergleichen sind, die zwar die Wärme der Sonne spüren, aber der Bestätigung der Sehenden über deren Lichtstärke nicht glauben. Wenn die Blinden darüber hinaus noch die Sehenden zu belehren versuchen, daß die Sonne kein Licht ist, machen sie sich lächerlich.

Die Lehre des Hl. Gregor Palamas und der Väter des Hl. Berges über das Wesen des Thaborlichtes wurde zum allgemeinen Bekenntnis der Orthodoxie, das jedes Jahr im «Synodikon der Orthodoxie» am ersten Sonntag der Großen Fastenzeit gelesen wird: «Diejenigen, die der Meinung sind und sagen, daß das vom Herrn ausgehende Licht bei seiner göttlichen Verklärung bald ein Trugbild und etwas Geschaffenes und eine Erscheinung ist, die kurz aufleuchtet und augenblicklich sich wieder verliert, bald das Wesen Gottes selbst ist (...) und nicht gemäß der inspirierten Theologie der Heiligen und der frommen Ansicht der Kirche bekennen, daß jenes göttlichste Licht weder etwas Geschaffenes noch das Wesen Gottes, sondern ungeschaffen und die natürliche Gnade und das Strahlen und die Energie ist, die aus dem göttlichen Wesen selbst untrennbar und ewig hervorgeht, seien VERFLUCHT».

Was aber geschah auf dem Berg Thabor? Wie erklären die Heiligen Hymnendichter die «Verklärung» Christi? Christus - sagen sie - offenbarte «(seine) ursprüngliche Schönheit» «in dem Geschöpf» (in seiner menschlichen Natur), «nicht wie im Bilde, sondern wie sie von ihrer Natur her ist» - in Wirklichkeit. Die «väterliche Herrlichkeit» Christi, die Herrlichkeit also, die er vor allen

Zeiten «bei Gott seiend» (Jo 1, 1) innehatte, «erglänzt unvermis-cht», ohne mit seiner Menschheit vermischt zu werden. Die verwendeten Bilder - die ganze Sprache der orthodoxen Theologie ist überdies bildlich - sind sehr ausdrucksvoll: «Vom Fleische gingen Geschosse der Gottheit aus», sagt ein Hymnus und erinnert uns damit an eine Rede Basilius des Gr. über die Verklärung: «Denn es schien wie Licht durch gläserne Häutchen, d.h. seine göttliche Kraft durchschien das von uns angenommene Fleisch des Herrn». In einem anderen Hymnus lesen wir: «Als Feuer, das den Stoff des Leibes nicht verbrannte, wurdest du geschaut», und werden damit an das Wunder des Dornbusches (Ex 3, 2 f.) e-rinnert, das sich hier im «Fleische», in der Menschheit des Wortes wiederholt. Bei der Verklärung wird die Menschheit vorübergehend von der Gottheit verdeckt. Christus «wurde verklärt, ein wenig das Hinzugenommene des Fleisches verbergend», damit dadurch offenbar wird, daß «das zu sehende ein Sterblicher, das Verborgene aber Gott ist».

Die ganze theologische Analyse der Hymnen konzentriert sich auf das Ereignis der «Entäußerung» des göttlichen Wortes (Phil 2, 6 f.). Das, was nach seiner Fleischwerdung sichtbar ist, ist seine menschliche Natur, obgleich mit der Menschwerdung das Licht der Gottheit in die Welt kommt. Die Fleischwerdung bedeutet keine Veränderung des Gott-Logos, keine Veränderung seines göttlichen Wesens, auch wenn Er «Knechtsgestalt annahm... und den Menschen gleich ward» (Phil 2, 7). Nicht einen einzigen Augenblick hörte er auf, Licht zu sein, das «dreifache (trinitarische) Licht», «im Leibe auf der Erde umherwandelnd». Ein ausdrucksvolles Beispiel dieses Bekenntnisses der Hymnen ist das folgende Troparion: «Du, der du Lichtspender und Licht bist, unzugänglich und ewig, du vor allen Äonen, der du dich mit Licht umhüllst wie mit einem Gewand, du erstrahltest, im Fleische kommend, als Licht in der Welt...».

In der menschlichen Natur Christi, die «dem Wesen nach» zum Tempel des Göttlichen Wortes (vgl. Jo 2, 19: «Reißt diesen Tempel nieder, und in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten») und zu seinem «Zelt» (Jo 1,14) wurde, befand sich unverändert und unvermindert seine natürliche göttliche Herrlichkeit, die er «zeitlos» vom Vater empfing als Wort und Sohn des Vaters «dem Wesen nach», d.h. «eines Wesens» mit ihm. Die Menschheit Christi war durch die hypostatische Vereinigung mit seiner Gottheit vergottet worden. Deswegen war Christus während seines ganzen irdischen Lebens ständig mit dem göttlichen Licht der Verklärung umhüllt, welches jedoch für die Menschen unsichtbar blieb. So war das Leben Christi in der Welt bis zu seinem Kreuzestod ein Zustand der Demütigung, da er sich nur als demütiger Mensch zeigte. Natürlich wurde seine Menschheit vom Moment der Fleischwerdung an durch ihre ungeteilte und unver-mischte Vereinigung mit der Gottheit «verherrlicht» und in das ungeschaffene Licht der göttlichen Natur eingetaucht. Aber das wurde nicht sichtbar. Seine göttliche Herrlichkeit, die nie von der Herrlichkeit des Vaters getrennt war, war verborgen. Dazu bemerkt der Hl. Johannes von Damaskus: «Der Sohn und das Wort Gottes, keineswegs außerhalb der Herrlichkeit des Vaters, sondern selbst Gott seiend, nahm zur Rettung des Menschen menschlichen Leib an» (P.G. 96, 11610).

Und doch ließ Christus seine Herrlichkeit nicht unbezeugt. Zunächst wurde er vom Vater verherrlicht, der seine göttliche Natur offenbarte. Er selbst sagte: «Mein Vater ist es, der mich verherrlicht» (Jo 8, 54). Der Hl. Theophylaktos von Bulgarien erklärt uns, wie der Vater den Sohn verherrlichte: «Einerseits durch die ihn betreffenden Prophetien, andererseits durch das Zeugnis vom Himmel (Taufe-Verklärung) und ebenfalls durch die unzählbaren Wunder» (P.G. 124, 36 B). Die Wunder Christi waren eine klare Äußerung seiner göttlichen Herrlichkeit. Zum Wunder in Ka-na schreibt der Evangelist Johannes vom Hl. Geist inspririert (2, 11): «Und er offenbarte seine Herrlichkeit und seine Jünger glaubten an ihn». Der Herr «zeigte» nach Theodoretos von Kyros, «mit dem Fleische bekleidet, seine väterliche hohe Abstammung und sandte die Strahlen der Gottheit aus und ließ den Glanz der unumschränkten Macht, mit seinen Wundertaten die verborgene

Natur offenbarend, durchscheinen» (P.G. 83, 72 C). Die Verklärung war die erste unmittelbar wahrnehmbare Offenbarung der Herrlichkeit Christi während seines irdischen Lebens. «Das den menschlichen Augen Unsichtbare wurde geschaut. Ein irdischer Leib strahlte göttlichen Glanz aus, ein sterblicher Körper strahlte die Herrlichkeit der Gottheit aus» (Joh. v. Damaskus, P.G. 96, 548 C).

Nicht für Christus selbst, sondern für seine Jünger änderte sich etwas mit der Verklärung. Christus unterlag keinerlei Veränderung. Sein Licht war immer unauslöschlich («äoxexov») und unveränderlich. Auch auf dem Berg Thabor blieb Christus das, was er von seiner Natur her war. Die Apostel konnten jedoch unter besonderen Bedingungen das Licht der Gottheit Christi schauen, d.h. Christus zum ersten Mal so sehen, wie er in Wirklichkeit unter ihnen umherging. Nach dem Hl. Johannes von Damaskus, der auch an diesem Punkt die ganze Lehre der Väter zusammenfaßt, wurde Christus «verklärt, indem er nicht das, was er nicht war, annahm, sondern so, wie er war, sich seinen vertrauten Jüngern offenbarte. ...Denn er verblieb in der Identität, mit der er früher erschienen war, er schien jedoch den Jüngern, die ihn sahen, ein anderer zu sein» (P.G. 96,564). Die vollständige Offenbarung der Herrlichkeit Christi wird bei seiner Auferstehung und Himmelfahrt geschehen. Die Verklärung war also der Vorbote seiner künftigen vollständigen Offenbarung im weiteren Kreis seiner Jünger.

 

4. «Die Vorsteher des Gesetzes und der Gnade»

Die Verklärung fand vor fünf Personen statt. Drei von ihnen waren die Jünger Christi, Petrus, Jakobus und Johannes, «die Auserwählten unter den göttlichen Aposteln», die «Zeugen der Herrlichkeit» wurden. Die Väter suchten nach verscN^i.~ · klärungen für die Auswahl dieser Jünger unte: ?!·.■·.ü-.'.rr««. al.t die konkreteste Erklärung beziehen sich die Festhymnen: «... damit sie, die auch in Zukunft mit dir am Zeitpunkt deines Verrates zusammen sein sollten, das Wunderbare deiner Verklärung geschaut habend, deinem Leiden nicht mit Angst begegnen». Und nach dem Tageskondakion: «... damit sie, wenn sie dich gekreuzigt sehen, das Leiden aus eigenem Willen verstehen und der Welt verkünden, daß du wahrhaft der Abglanz des Vaters bist». Tatsächlich fordert Christus die gleichen Apostel auf, ihn zu seinem Gebet in den Garten Gethsemane zu begleiten (Mt 26,36 f.).

«Zeugen» des gleichen Ereignisses waren jedoch auch zwei Vertreter des Alten Testaments, Moses und Elias, «die in gleichem Maße seine Gottheit bezeugten», «denn Gesetz und Propheten dienen dir als Gott». Neben den «Auserwählten der Gnade» also auch die «Auserwählten des Gesetzes». Altes und Neues Testament werden zu einer geheimnisvollen Einheit verbunden, so daß der Berg Thabor zum «Typos der Kirche» wird und die beiden Testamente mit Christus als Zentrum umschließt. Einige Hymnen aber versuchen auch eine andere Erklärung zu geben.

«Indem Moses und Elias mit Christus redeten, zeigten sie, daß er über Lebende und Tote herrscht und daß er, der einst durch Gesetz und Propheten sprach, Gott war». Auch der folgende Hymnus sieht in der Wahl der Personen die Katholizität des Reiches und der Herrschaft («kyreia») Christi: «An deine Seite, Christus, der du im Himmel herrscht, die Erde regierst und die Herrschaft des Totenreiches in den Händen hältst, traten von der Erde Apostel, vom Himmel der Thesbit Elias und Moses von der Unterwelt (Totenreich)». Moses starb, wie bekannt, eines natürlichen Todes, aber Elias, «der Wagenlenker und unentzündbare Himmelsläufer» - wie ein Hymnus sagt -, wurde in den Himmel aufgenommen.

Die Anwesenheit der Apostel einerseits und die der Propheten andererseits zeigt Christus im Zentrum der Kirche und der ganzen Geschichte als ihre letztendliche Bestimmung und ihre Achse. Christus, «der Herr der Herrlichkeit» (vgl. 1 Kor 2, 8), offenbart sich als der «einst durch Gesetz und Propheten gesprochen habende Gott». Die Hymnen bestehen auf der Identifizierung Christi mit dem «Engel Gottes», dem «Engel des großen Ratschlusses», dem «Herrn der Herrlichkeit», dem «Herrn Sebaoth», der Gott im Alten Testament offenbarte. Christus offenbart also bereits vor seiner Geburt aus der Gottesgebärerin Gott «in Sich», in Seiner ungeschaffenen Person - aber nicht mit geschaffenen Mitteln -den Patriarchen und Propheten. In den alttestamentarischen Gotteserscheinungen erschien folglich der Gott-Logos selbst, und nicht irgendein Geschöpf. Das wird besonders von den Hymnen betont.

«Der, der einst mit Moses auf dem Berge Sinai mittels Symbolen sprach (...) zeigte heute auf dem Berge Thabor, in sich die menschliche Natur aufnehmend, (...) die ursprüngliche Schönheit des Bildes». Und an anderer Stelle: «Bekannt tritt nun Christus hervor, um Moses zu erscheinen». «Auf die Dunkelheit des Gesetzes» folgt auf dem Berge Thabor «die lichte Wolke der Verklärung», denn der, der «in der Wüste das Volk Israel» «mit einer Feuersäule und einer Wolke» führte, «erstrahlte auf dem Berge Thabor unsagbar im Lichte». Die Gotteserscheinungen des Alten Testaments bilden die Anwesenheit des Wortes im Fleisch im Neuen Testament vor. «Die frühere schattenhafte Herrlichkeit in der Wolke, die zu Moses, deinem Diener, sprach, ist zum Typos de/ unsagbar strahlenden Verklärung auf dem Berge Thabor geworden, Herr».

Die gesamte patristische Theologie mit einer einzigen Ausnahme, der des Hl. Augustinus, stimmt darin überein, daß der Gott-Logos «fleischlos» den Patriarchen und Propheten, den Heiligen des Alten Testaments, erschien. Die gleiche Spiritualität also bestimmt beide Testamente, das Alte und das Neue, da auch die Erfahrungen (der Gottesschau) der Propheten, Apostel und Heiligen des Neuen Testaments die gleichen sind. Nach Basilius dem Gr. «offenbart» der Gott-Logos «sich selbst den Menschen von Geschlecht zu Geschlecht und trägt seinen Heiligen den Willen des Vaters auf. Daher denke man auch bei dem, der sich bei Moses als «Seienden» bezeichnet (s. Ex 3,14), an keinen anderen als den Gott-Logos, der im Anfang bei Gott war (Jo 1, 1)». (Apo-log. gegen Eunomius 2, 18).

Die ungeschaffene Herrlichkeit oder das ungeschaffene Reich des Vaters, das Christus als seine «natürliche» Herrlichkeit während der Verklärung offenbart, ist nichts anderes als die Wiederholung seiner Erscheinungen als «Herr der Herrlichkeit» im Alten Testament. Der einzigste Unterschied liegt darin, daß er nun seine Offenbarung im «Fleische», mit seiner menschlichen Natur, verwirklicht. Ein Hymnus formuliert dies folgendermaßen: «Du, der du den Dornbusch unversehrt bewahrtest, der mit dem Feuer in Berührung kam, zeigtest dem Moses das von der Gottheit leuchtende Fleisch». Moses und Elias sehen nun die «Hypostase» (die Person) des göttlichen Wortes «in den zwei Naturen». Die menschliche Natur Christi ersetzt die Bundeslade des Moses und den Tempel Salomos. Daher erweist sich der Vorschlag des Petrus, die drei Hütten zu bauen, als «unbesonnen».

Auf dem Thabor vollzieht sich also die Kontraktion von Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart der Teilnahme an der göttlichen Herrlichkeit. Elias und Moses verkörpern die Vergangenheit, und der verherrlichte Christus bestimmt die Zukunft, die Einkleidung des Geschaffenen mit der Herrlichkeit des Ungeschaffenen. Ort der persönlichen Begegnung und Vereinigung «von allem» wird Christus selbst, seine vergottete Menschheit. Denn auch die übrige Schöpfung nimmt an der Herrlichkeit des Berges Thabor Anteil. «Engel dienten in Furcht und Schrecken, die Himmel erschauerten, die Erde erschrak, da sie den Herrn der Herrlichkeit auf der Erde sahen». Mit dieser ihrer überaus greifbaren theologischen Kommentation des Bildes der Verklärung beweisen die Hymnen sehr klar die Einheit von Theologie, Hymno-graphie und Hagiographie (Malerei) in der Kirche.

Die patristische Theologie beschäftigte sich aber nicht nur mit der Frage: «Was sahen die Jünger auf dem Thabor?» Sie stellte ebenfalls die Frage: «Wie sahen die Jünger das ungeschaffene Licht der göttlichen Herrlichkeit?». Wir sagten bereits, daß das Licht der Verklärung für die Heiligen Väter kein natürliches war, so daß man es mit den natürlichen Augen hätte sehen können. (Vgl. Ex 33, 20: «Kein Mensch sieht mein Angesicht und bleibt am Leben»). Die Hymnendichter unterstreichen, daß die Jünger die göttliche Herrlichkeit sahen, «soweit sie sie zu erfassen vermochten». Ein Hymnus bemerkt sogar, daß Christus nicht die ganze «Pracht der ursprünglichen Schönheit» zeigte, da er fürchtete, «sie könnten mit dem Augenlicht vielleicht auch das Leben verlieren», womit er indirekt auf die Worte Gottes an Moses verweist.

Nur derjenige, der sein Herz frei von den Leidenschaften hat, kann die ungeschaffene göttliche Herrlichkeit sehen. «Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen» (Mt 5, 8). Das ist die ausdrückliche Stellungnahme von Christus selbst zu diesem Problem. «Lasset uns unsere Sinne reinigen, und wir werden Christus strahlen sehen im unnahbaren Lichte der Auferstehung», singt auch Johannes von Damaskus im Auf ersteh ungska-non. Ohne die Reinigung des Herzens ist es unmöglich, zur «Theoria», zur Schau der göttlichen Herrlichkeit, zu gelangen. Von der Askese - dem Vollzug der Gebote Gottes - gelangt man zur Theoria-Schau Gottes. Diese Erfahrung machen alle die, die den Kampf der Heiligen kämpfen. Der Hl. Symeon der Neue Theologe sagt in einem seiner bekannten Gebete: «Du reinigst und erleuchtest und machst zu Teilnehmern des Lichtes». Das sind die Stadien der Rettung, wie sie die Orthodoxie mit ihren Heiligen lebt und verkündet: Reinigung und Erleuchtung (des Herzens), d.h. Heiligung des Zentrums der menschlichen Existenz; Vollendung des Menschen in der Schau der ungeschaffenen Herrlichkeit Gottes. Darauf zielt die orthodoxe Theologie hin.

Die Jünger sehen also die göttliche Herrlichkeit, «soweit sie sie mit ihren leiblichen Augen zu erfassen vermochten», aber mit der Energie Christi selbst. Der, der «ihnen» nach seiner Auferstehung «den Sinn für das Verstehen der Schriften öffnete» (Lk 24, 45), «öffnet» auch auf dem Berg Thabor ihre «Augen, aus Blinden Sehende machend». Bei Christus wird also keinerlei Änderung bewirkt; die Änderung vollzieht sich bei den Jüngern selbst, in ihnen, als Folge der Reinigung ihres Herzens, die sie in den Jahren ihrer Lehrzeit in seiner Nähe vollzogen. Christus war für die Apostel der Starez, der Geistliche Vater: eine Tradition, die auch heute noch in allen orthodoxen Klöstern fortgesetzt wird. Ihr gereinigtes Herz empfängt die göttliche Gnade, um für kurze Zeit Christus so zu sehen, wie er in Wirklichkeit war. Deswegen auch erblindeten sie nicht, wie ebenfalls auch Maria Magdalena nicht erblindete, als sie den Auferstandenen Christus sah, im Gegensatz zum Apostel Paulus vor seiner Reinigung (Apg 9, 8). Nach dem Hl. Gregor Palamas «sahen» die Jünger «nicht einfach mit sinnlichen Augen, sondern mit Augen, die durch die Kraft des Hl. Geistes verändert worden waren». Um das göttliche Licht mit den leiblichen Augen zu sehen, ist es zunächst notwendig, an jenem Licht Anteil zu nehmen, sich von ihm verwandeln zu lassen. Auf dieser Wahrheit beruht die orthodoxe Spiritualität.

Das Ziel der Verklärung Christi war, daß die Jünger seine Gottheit erkennen. Er hatte außerdem - nach den Hymnen - ein ähnliches Versprechen gegeben: «Worte des Lebens ist Christus seinen Freunden, und über das göttliche Reich sprechend, sagte er: in mir werdet ihr den Vater erkennen, denn in unnahbarem Lichte werde ich erstrahlen...». Mit seiner Verklärung «teilt» er sich seinen Jüngern «mit»: «Nun ist von den Aposteln das unsichtbare geschaut worden, die Gottheit im Fleische... erstrahlend». Deswegen singt der Hymnendichter: «Dich erkannten die verherrlichten Apostel als Gott, oh Christus, auf dem Thabor...» und «riefen laut aus, daß dieser der Abdruck des Archetypen ist». «Verherrlicht», weil sie in die göttliche Herrlichkeit-die göttliche Erleuchtung eintraten, erkennen die Apostel die Gottheit ihres Lehrers; sie erkennen, daß Er es ist, «der vor den Äonen war und die Wolken zum Wagen macht».

Nach der Schau der unsagbaren Mysterien wird ihr Zeugnis die Theologie der Kirche sein, das Bekenntnis einer gelebten und aus eigener Erfahrung bekannten Wahrheit. Was sich für die drei Apostel vorübergehend auf dem Berg Thabor ereignete, wird sich für alle am Pfingsttag - dauerhafter - ereignen. So werden sie nicht ihre eigenen Theorien, Gedankengänge und Überlegungen verkünden, sondern bekennen, was sie im Hl. Geist in der ungeschaffenen Gnade sehen werden, und sie werden wie Johannes ihren Hörern versichern können: «... was wir mit unseren Augen gesehen haben, was wir geschaut haben... verkündigen wir euch» (1 Jo 1, 3), oder wie Petrus: «Wir sind ja keinen ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch die Macht und Gegenwart unseres Herrn Jesus Christus kundtaten, sondern wir sind Augenzeugen seiner Majestät geworden» (2 Petr 1,16). Das wird die Lehre, das «Dogma» der Kirche sein. Denn in der gleichen Schau der «göttlichen Majestät» werden auch die Heiligen Väter Theologie treiben, und diese Schau der göttlichen Herrlichkeit werden sie bekennen und in den (Ökumenischen) Synoden in theologischen «Glaubenssätzen» formulieren.

Die einzigen, denen diese theologische Methode ewig fremd bleiben wird, sind die Häretiker, die gehirnlosen Blinden ähneln. Denn, obwohl sie die Herrlichkeit Gottes nicht sehen, bestehen sie darauf, über Gott zu sprechen und Ihn mit ihrer Phantasie zu beschreiben. So schaffen sie in Wirklichkeit einen Götzen und verbleiben in der «Gottlosigkeit» und im Irrtum. Die einzige Theologie, die die Orthodoxie kennt, ist die Theologie der Gottesschau, die Theologie der Schau der Herrlichkeit Gottes, die Theologie der vergotteten Heiligen. Wir, die anderen, die wir noch unrein sind, können «die Mysterien des Reiches Gottes» nicht schauen; wir begnügen uns damit, mit den Erfahrungen der Heiligen Väter «Theologie zu treiben», indem wir ihre Theologie zu der unsrigen machen. Je väterlicher wir also sind, umso orthodoxer sind wir.

So können wir verstehen, wie in der Orthodoxie diese Tendenz zur Treue gegenüber der Lehre der Väter aufkam. Sie ist die «Traditionsliebe» der Orthodoxie, die einige Nichtorthodoxe willkürlich und unwissend Traditionalismus nannten und als einen der größten «Mängel» des orthodoxen Ostens betrachteten. Theologische Autoritäten sind jedoch in der Orthodoxie nur die «vergotteten» Heiligen (aller Jahrhunderte). Nicht die Gedanken der Intellektuellen, sondern die «Theoria» (Schau) der Heiligen, ihre mystischen Erfahrungen im Hl. Geist sind die authentische Theologie der orthodoxen Kirche. Es braucht daher keinesfalls seltsam anzumuten, daß selbst die Ökumenischen Synoden sich auf die Heiligen Väter stützen («den heiligen Vätern folgend...») und sich auf die Autorität der vergotteten Väter berufen, unabhängig davon, ob sie an der Synode teilnehmen oder vor ihr lebten. Denn eine Ökumenische Synode ohne vergottete Väter ist völlig undenkbar.

 

5. Soteriologische Ausweitungen

Nach unseren Hymnographen steht die Verklärung in unmittelbarem Zusammenhang mit der Auferstehung Christi: «Deine Auferstehung vorbildend, Christus Gott, nimmst du deine drei Jünger mit dir...», «denn du willst ihnen den Glanz der Auferstehung zeigen». Nach den Heiligen Vätern zeichnet die Verklärung die Herrlichkeit Christi vor, die während seiner Auferstehung und Himmelfahrt geoffenbart werden wird. «Nun ist alles mit Licht erfüllt, Himmel und Erde und Totenwelt», singt der Hl. Johannes von Damaskus zur Auferstehung. Aber auch die Himmelfahrt geschah nach dem Bekenntnis der Kirche «in Herrlichkeit». Eine andere Ausweitung der Verklärung ist das Pfingstfest, da die vergottete Menschheit Christi «im Geiste der Herrlichkeit» zurückkehrt, um zum «Topos» (Ort) der Vergotteten (s. Jo 14, 1 ff.; 16,16), zum «Topos» der ständigen Erfahrung der Verherrlichung der Heiligen, der Verherrlichung des Leibes Christi, zu werden.

Die Ausweitungen der Verklärung reichen sogar bis zur zweiten Ankunft Christi; denn die erste ist ein Vorzeichen der zweiten: «Bei deiner Verklärung, Erlöser, auf dem Berge Thabor, zeigtest du die Umwandlung der Sterblichen, die durch deine Herrlichkeit bei der zweiten und furchtbaren Ankunft bewirkt werden wird»; «um deutlich deine unsagbare zweite Ankunft zu zeigen, wenn Gott der Höchste inmitten von Göttern gesehen werden wird, erstrahltest du den Aposteln und Moses und Elias unsäglich auf dem Thabor». Die Verklärung war ein Bild der Wiederkunft, wenn Christus inmitten von «Götten» der Gnade nach, der vergotteten Heiligen, erscheinen wird. Dann «werden die Gerechten aufleuchten wie die Sonne» (Mt 13,43), und sie werden «der Gnade nach» sein, was Gott «seiner Natur nach» ist. Damit läßt sich auch eine seltsame liturgische Praxis unserer Kirche erklären, nach der im täglichen Stundengebet das Kondakion der Verklärung (keines anderen Festes) gelesen wird, und zwar folgenderweise: Die Verklärung wird von der Kirche als «Vorzeichen des zukünftigen Äons» verstanden, da auch alle Heiligen die Herrlichkeit Gottes, die die Apostel auf dem Berge Thabor vorübergehend sahen, e-wig sehen werden. Die Kirche erinnert also alle diejenigen, die täglich die «Stunden» der Kirche lesen oder hören, jeden Tag an die «zukünftige Herrlichkeit».

Die Herrlichkeit der menschlichen Natur Christi läßt aber auch die Verherrlichung unserer eigenen Natur erkennen. «... Du hast die in Adam verdunkelte Natur mit deiner Verklärung wieder zum Glänzen gebracht, indem du sie in die Herrlichkeit und den Glanz deiner Gottheit umwandeltest». Die Verklärung Christi bestimmt soteriologisch die Umwandlung «in Christo» auch unserer eigenen Natur: «Heute brachte Christus auf dem Berge Thabor die verdunkelte Natur Adams, die er umwandelte, auf göttliche Weise zum strahlen». Er offenbarte die Vergottung der menschlichen Natur in seiner «Menschheit». «Indem du, oh Erlöser, die beschmutzte sterbliche Natur durch Wasser und Feuer in deinem Fleische reinigtest, weist du auf deren Glanz durch deine Person hin».

Die rettende Gnade des verklärten Christus umarmt aber nicht nur die Menschen, sondern auch die ganze Schöpfung. Die Menschen werden vergottet, aber gleichzeitig wird auch die inbeseelte Schöpfung geheiligt: «Die ganze Schöpfung» heiligt Christus mit seinem Licht. «Das unwiderstehliche und nie untergehende Licht... vergöttlichte, die Schöpfung reinigend, die Menschen». Ein anderer Hymnus läßt den Himmel und die Erde sogar \ einer wunderbaren Personifizierung am Ereignis der Verklärung nlnehmen: «Es freut sich der Himmel auf dem Berge Thabor heute, der vorausahnte, daß die Sonne der Herrlichkeit nun von der Erde Sonnenstrahlen aufsteigen läßt. Die Erde tanzt fröhlich, von himmlischem Glanz und Strahlen beschienen, uns selbst zu Licht werdend».

An einem Fest, an dem selbst die unbeseelte Schöpfung teilnimmt, was kann es da natürlicheres geben, als daß die Hymnendichter auch die Menschen zur Teilnahme auffordern, damit auch sie rettende Gnade schöpfen: «Wohlan, wir wollen mit Christus hinaufsteigen», sagt ein Hymnus am Vorfest, um die folgewilligen Gläubigen zum mystischen Aufstieg auf den Thabor vorzubereiten. Diese «Miterhöhung» der Gläubigen ist das Hauptziel der Kirche an jedem ihrer Feste. Erinnern wir uns doch an jenes unübertroffene Troparion am Anfang der Großen Woche: «Wohlan denn, auch wir wollen gereinigten Sinnes mit ihm ziehen, mit ihm uns kreuzigen lassen und aus Liebe zu ihm sterben... damit wir auch mit ihm leben». Mit Christus zu ziehen, bedeutet: mit ihm sich kreuzigen zu lassen, denn ohne Kreuzigung gibt es keine Erhöhung und Verherrlichung mit ihm.

Das Mysterium des Kreuzes ist in der Orthodoxie mit der Verherrlichung, der Teilnahme an der Herrlichkeit Gottes, identisch. Nur die Freunde Gottes werden verherrlicht. Und zum Freunde Gottes wird der, der aus freiem Willen sein Kreuz auf sich nimmt und Christus nachfolgt (vgl. Mk 8, 34). Eine Verherrlichung ohne Kreuzigung ist unmöglich. Die Kreuzigung ist die einzigste Möglichkeit zur Aussöhnung der Menschen, die mit ihrem Sündenfall zu «Feinden» Gottes wurden, mit Gott, der immer Freund und Vater bleibt, voll von Liebe. «Nicht jener (Gott) ist es, der Haß hegt, sondern wir. Denn Gott hegt niemals Haß» - sagt der Hl. Chryso-stomus. Das Kreuz Christi zeigt die Liebe und nicht den Haß Gottes. Beeinflußt von der «Nicht-Theologie» lernten wir jedoch, Gott mehr als unseren Richter als als unseren Vater zu sehen, mehr als unseren Feind als als unseren Freund. Wie es scheint, haben wir entweder vergessen oder wir wissen nicht, daß Gott nur dann zum «Zorn» wird (vgl. Jo 3, 36), wenn sich der Mensch nicht in dem Zustand befindet, in dem er die Liebe (Gnade) Gottes als Rettung empfangen kann. Die Gnade Gottes kommt zu denen, die bereit sind, sie aufzunehmen (den Reinen), als «Herrlichkeit Gottes», und zu denen mit unreinem Herzen als «verzehrendes Feuer» (Hebr 12, 29). So gelangen wir schließlich so weit, zu glauben, daß unsere Rettung nicht die vom Tod und Verderben ist, sondern die vom «Zorne» Gottes. Die «Theologie» vom «Zorne Gottes» führte zur «Theologie» vom «Tode Gottes».

Dieses Rettungs - und Heilverfahren wird sowohl in den Hymnen als auch bei jedem Fest unserer Kirche vorausgesetzt, wie die Hymnographie eines jeden Tages klar zeigt. Die Kirchenfeste sind nicht einfach eine geschichtliche Erinnerung, die die ethi-sche-psychologische Beeinflussung des Gläubigen bezweckt, sondern ein mystisches Aufleben des Heilsgeschehens im Herzen des Gläubigen, damit auch seine existentielle Teilnahme daran möglich wird. «Verkenne nicht», schreibt der Hl. Isidoros Pe-lousiotes, «daß uns Gott mit den Festen, einst wie jetzt, Andenken an die Wohltaten geschaffen hat, damit sich die Feiernden, in frischer Erinnerung an diese, nicht dem Rausche, sondern dem Dank und der Tugend zuwenden» (P.G. 78, 557). Die neupagani-stischen Tendenzen der heutigen Zeit lassen uns leider unsere Kirchenfeste nicht in dieser Weise sehen, und deshalb verwandeln sie sich in fleischliche «Feste», in Belustigung anstatt Feier -wenn sie nicht bereits aufgehört haben, überhaupt unseren Herzen etwas zu sagen. Aber man kann eben nicht auf den Thabor steigen ohne Vorbereitung. Das ist die Botschaft unserer Hymnen. Das lehrt die Kirche mit ihrer Verehrung und ihren Hymnen diejenigen natürlich, die ihre Abend - und Morgenämter besuchen und die Hymnen hören!

Das soteriologische Fanfarensignal der Hymnen der Verklärung ist: «Wir wollen alle im Geiste mithinaufsteigen (auf den Thabor) (...) und schauen». Was bedeutet dieses «im Geiste»? Dieses «im Geiste» bedeutet nicht «verstandesmäßig», «mit dem Gehirn», «mit unserem Denken», wie wir, die wir lernten, den «Geist» mit der «Logik» zu identifizieren, alle meinen. Mit dem «Geist» ist hier das Hauptorgan unserer Vergottung gemeint. Das erscheint klarer in anderen Troparien: «Erleuchtet hinsichtlich des Geistes, werden wir im Lichte das Licht schauen». Der Geist-Kraft der Seele, der mittels der Gnade im Herzen als Gebetsfunktion aktiviert wird, wird, wenn er gotterfüllt, d.h. von der Gnade des Hl. Geistes umflutet wird, zu Licht und erleuchtet die ganze menschliche Existenz. Von der Gnade Gottes verherrlicht, verherrlicht er den ganzen Menschen.

Die Hymnen unterstreichen ebenfalls die asketischen Voraussetzungen, die eine derartige Funktion des «Geistes» erst möglich machen: «Wir wollen uns reinigen und gläubig auf den göttlichen Aufstieg vorbereiten...». Niemand steigt auf den Berg Tha-bor, ohne «die höchste Umwandlung zu erdulden», ohne «das Göttliche zu erleiden», wie die Heiligen Väter sagen. Die Hymnen lassen Christus seinen Jüngern versichern, daß «die, die sich durch die Höhe der Tugenden ausgezeichnet haben, auch der gotterfüllten Herrlichkeit gewürdigt werden werden» - und das gilt für einen jeden von uns. Die Gewißheit der Hymnendichter in bezug auf das Ergebnis ist jedoch unerschütterlich: «Das von den Leidenschaften gereinigte Herz als höchsten Berg habend, werden wir die Verklärung Christi schauen, die unseren Geist erleuchtet...». Zum Thabor wird schließlich unser Herz selbst und das hat keine symbolisch-ethische und metaphorische Bedeutung. Die Sprache der Kirche ist realistisch und bezieht sich auf die greifbare Wirklichkeit. Das Herz, dieser Muskel, der für viele nichts mehr ist als eine Blutpumpe, ist das Zentrum der Spiritualität und der Raum, in dem der Mensch mit Gott verkehrt und vergottet wird. «Wir, die wir nach der gotterfüllten Herrlichkeit verlangen, wollen die Wolke unseres irdischen Lebens durchstoßen, indem wir emporgehoben den Berg Thabor besteigen...». Dies ist übrigens die ständige Ermunterung der Kirche: «Lasset uns erheben unsere Herzen!» «Erhebt euch, ihr Trägen, kriecht nicht ständig auf der Erde. Erhebt euch, ihr Gedanken, die ihr meine Seele zur Erde niederbeugt, erhebt euch zur Höhe des göttlichen Aufstiegs...». Der Mensch wird aufgefordert, sich mit der Gnade Gottes zu erheben. Ansonsten wird er nicht die Erfahrung des göttlichen Lichtes machen. Deshalb sagte der Hl. Gregor der Theologe, daß die Theologie (Gotteserkenntnis) ein «steiler und schwer zugänglicher Berg...» ist.

Obwohl Petrus dies wünschte, hielt Christus die Apostel nicht auf dem Berg Thabor fest. Denn nicht der «Thabor» ist das Ziel des kirchlichen Lebens, sondern das Ereignis der «Verklärung». Der Thabor wird nicht örtlich bestimmt (beschränkt), sondern in das Herz des Menschen verlegt. Der Thabor ist zum Typus des Gott liebenden Herzens geworden. Christus führte seine Jünger wieder hinab in die Welt, in die menschliche Gemeinschaft. Deshalb auch betrachtete die orthodoxe Tradition niemals in ihrer Geschichte die Gläubigen als ein «Getto» von Eingeweihten, denen die übrige Gesellschaft gleichgültig ist. Ganz im Gegenteil: Ziel und Zweck der Orthodoxie ist es, ständig in die Gesellschaft vorzudringen und ihr Heilverfahren der Reinigung des Herzens auf allen gesellschaftlichen Ebenen, von den «Palästen» bis zum Bauernstand, an Greise und an junge Menschen, an Weise und an Ungebildete weiterzugeben.

Diese Sendung der Kirche kann jedoch nicht verwirklicht werden, wenn nicht der «Thabor», d.h. die Herrlichkeit der Verklärung, vorausgeht. Die Jünger steigen herab, aber mit dem Licht des Thabors in ihren Herzen, mit der Erfahrung und Gewißheit der Vergottung. In gleicher Weise «wirken» auch die Heiligen in der Welt, nachdem sie jedoch zuvor «das Göttliche erlitten», die Veränderung auf Gott hin empfangen haben.

Allein unter diesen Voraussetzungen können wir sagen, daß «diese Bewegung des Abstiegs vom Thabor in die Welt, daß die Rückkehr von der Erfahrung der Verklärung zur noch andauernden Trauer der Welt die Bewegung ist, die die Kirche bildet: das Kreuz des Sündenfalls und der Sünde mit der Gewißheit der Auferstehung auf sich zu nehmen» (Chr. Jannaras). Die Kirche hat in der Welt die Sendung der Umformung. Sie hat die Sendung, den Menschen und die Gesellschaft in jeder Epoche umzuformen: den Menschen zum Freund Gottes, «verherrlicht» von Seinem Licht, und die Gesellschaft zur Kirche - Bereich des göttlichen Reiches, der Gnade Gottes. Auf dem Thabor wurde die Wahrheit der Kirche abgebildet, ihre Sendung in die Welt vorgebildet und die Möglichkeit der Vergottung eines jeden ihrer gläubigen Glieder versichert. Wie der Thabor zum «Typus der Kirche wurde», so ist auch die Kirche als Leib Christi der Thabor für die Welt.

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Kapitel 12 // Anhang

Artikel erstellt am: 31-1-2010.

Letzte Überarbeitung am: 31-1-2010.

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